Schule des Rades

Hermann Keyserling

Schöpferische Erkenntnis

Zweiter Zyklus:III. Weltüberlegenheit

Herrscher-Weisen

Der königliche Herrscher-Weise ist der höchste Mensch, weil er an keine Erscheinungssonderart gebunden, vielmehr jeder überlegen ist; weil alles empirische Werden von seinem Standpunkt notwendig Sprache ist, nicht Sinn, und die Wahl dieses oder jenes Ausdrucksmittels eine politisch-taktische, keine Wesensfrage. Stellen wir uns nunmehr, von den Forderungen aus, die unsere bisherigen allgemeinen Einsichten ermöglichen, den höchsten Herrscher-Weisen, der theoretisch denkbar wäre, so konkret als nur irgend möglich vor. Ein solcher müsste und könnte offenbar schlechthin aller Natur überlegen sein. Zu dieser gehört ja schlechthin alles, was nicht Sinn ist; das Empirisch-Psychologische des Menschen nicht minder, wie die materielle Außenwelt. Ihr gehören schlechthin alle Gestaltungen an, nicht allein die sichtbar objektivierten und materialisierten, sondern auch die seelischen und geistigen bis zu den höchsten Idealen hinauf, soweit diese in fertigen Begriffen, Dogmen, Programmen, Vorurteilen konkretisiert sind. Genau genommen, sind alle Gestaltungen (als Ausdruck) materiell. Nicht Materie und nicht Natur ist einzig das, was sie von innen her hervorbringt und belebt. Deswegen muss es grundsätzlich gelingen, wenn anders Überlegenheit überhaupt ein Ding der Möglichkeit ist und deren Grad von der Sinnestiefe abhängt, in welcher das Bewusstsein sein Zentrum hat; wenn anders es dem Menschen gegeben ist, in fortschreitend tieferen Sinnesregionen Wurzel zu fassen, dementsprechend neue Kräfte frei werden (vgl. S. 184 ff.), zuletzt der ganzen Welt überlegen zu werden.

Aus diesen Erwägungen ergibt sich zunächst das folgende es bedeutet theoretisch ein Missverständnis, welches praktisch innere Grenzen schafft, aus Geistesgründen der Materie abhold zu sein. Alle Gestaltung gehört ja zu ihr. Will man aus Furcht vor dem Stoff ein vermeintliches Geistiges an sich in einen einfürallemaligen Ausdruck zwängen, so ist das, was einem dabei zu fassen gelingt, eben dadurch materialisiert und zwar in viel starrerer und deshalb stoffdichterer und beschränkenderer Form, als wenn man jenem weniger zu entrinnen trachtete. Daher die besonders ausgesprochene Gebundenheit des Ideologen. Aus diesem einen Grunde müssen sämtliche Lösungen des Überlegenheitsproblems, die auf einem Absehen von oder einem Verleugnen der Natur beruhen, grundsätzlich schief sein. Die Stoiker, die sich befreien wollten, schufen sich in Wahrheit nur einen seelischen Panzer, der sie vor Erlebnissen bewahrte — dieser jedoch beengte ihren Geist viel mehr, als unbefangenes Leiden getan hätte; es bedarf in der Tat eines ungeheueren Apparats von starren Begriffen, um sich auf stoisch abzuschließen. Gleiches gilt in oberflächlichster Form (denn hier kommen nicht einmal selbstgeschaffene Bindungen in Frage) vom modernen Pflichtmenschen.

Das Mönchtum, seinem allgemeinen Sinne nach beurteilt, kann einen besten Weg bezeichnen, um die Natur zu einem gefügigeren Ausdrucksmittel umzubilden, aber als Dauer- und Endzustand bedeutet es eine Verengerung, keine Überwindung ihrer. Daher die unerhörte Geregeltheit des Mönchlebens: nur in so starrer Gesetzesbefolgung, wie solche sonst nur tote Sterne kennen, kann Geistesfreiheit in diesem Zustand bestehen — und wer sieht nicht, dass der Mönch insofern noch viel naturgebundener als der Weltmann ist? Der Weg zur wahren Freiheit hat mit der Einschränkung der Gestaltung an sich nichts zu tun. Freier wird der Mensch genau proportional dem Maß, indem er sich innerlich über diese erhebt und durch sie hindurchliest und -lebt. Gedenken Sie der Bilder von den vier Stockwerken der Sprache und des Verhältnisses des unbegrenzt mannigfaltigen Sinnes, welcher vermittels der gleichen 25 Buchstaben auszudrücken ist: Freiheit gibt es ausschließlich im Reich des Sinns. Deshalb ist es von deren Standpunkt völlig gleichgültig, durch welche Mittel sie sich manifestiert, ob diese nun reich sind oder arm: nur darauf kommt es an, dass das Bewusstsein in der Region des Sinnes wurzelt. Asketik, Disziplinierung, wie alle sonstige Einschränkung der Natur können deshalb genau nur insoweit als sinngemäß gelten, wie sie die Realisierung des Sinnes vorbereiten, so wie man Grammatik und Syntax methodisch lernen muss, um eine Sprache schließlich frei zu beherrschen. Nachher müsste Asketik überflüssig werden. Dies ist die grundsätzliche Seite des Sachverhalts.

Praktisch aber liegen die Dinge noch anders, und zwar gerade umgekehrt als Stoizismus, Asketismus und abstrakter Idealismus annehmen: da Überlegenheit über die Natur der Freiheit Gradmesser ist, so ist der Mensch desto größer und desto freier, je reicher die Natur, die er beherrscht. Es bedarf keiner großen Kunst, eine so arme und dürftige zu regieren, wie solche aus mönchischer Erziehung typischerweise hervorgeht; schwerer und wertvoller ist die Meisterung solcher, welche alles Menschliche in sich einschließt und bejaht. In der Tat: wer seine Natur ganz beherrscht, braucht keine Anlage zu verleugnen, denn er hat es nicht mehr nötig. Der braucht nicht einmal sein Böses zu verleugnen. Es ist das gewisseste Zeichen von Subalternität, wenn einer nur das sogenannte Gute in sich verträgt, nur vermittels dieses Gutes zu wirken weiß. Die Geister des Lichts und der Finsternis hängen bei allen, die nicht schon endgültig im Lichtreich aufgingen, organisch zusammen; es ist unmöglich, wesentlich vorwärts zu kommen, wofern man nicht beide an ihrem Ort bejaht (vgl. S. 331). Nun aber gelangen wir zum Schlussglied dieser Gedankenkette. Gedenken wir des Bildes vom Baume, dessen Wurzeln desto tiefer ins Erdreich eindringen müssen, je höher die Krone gen Himmel ragt (vgl. S. 191): demnach verlangt wachsender Reichtum zu seiner Meisterung vom Geist her korrelativ größere Tiefe. Also ist gerade um der Geistesverwirklichung willen Reichtum, nicht Armut zu postulieren. Die bisherige Asketik sah in der Anstrengung zur Armut, in der sogenannten Mortifikation, den besten Weg zum Heil. Sofern sie die menschliche Vollendung anstrebte, irrte sie. Gerade die Aufgaben des Reichtums, als solche erkannt, bringen die Mächte der Tiefe zur Wirksamkeit. Diese Erwägung erweist endgültig die Höchststellung des herrscherisch überlegenen, alles bejahenden Menschen.

Hermann Keyserling
Schöpferische Erkenntnis · 1922
Zweiter Zyklus:III. Weltüberlegenheit
© 1998- Schule des Rades
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